Befehle und Schreiben: Rundschreiben der Bezirksgruppe Steinkohlenbergbau Ruhr über die Einführung der „Leistungsernährung“, Essen, 26. Mai 1944
Wer hat das Schreiben erstellt und in welchem Zusammenhang wurde es erstellt?
Die Abteilung Kriegsgefangenenwesen im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) verbreitete Ende Februar 1944 per Fernschreiben den Befehl Adolf Hitlers zur Einführung der "Leistungsernährung" für die Gruppe der italienischen Militärinternierten. Die Unternehmen sollten die Verpflegung nach Leistung abstufen und Essensrationen für ganze Arbeitseinheiten kürzen, wenn sie mit der Arbeitsleistung nicht zufrieden waren. Einige Unternehmen hatten dieses Strafmittel bereits eigenmächtig eingesetzt.
Das Fernschreiben des OKW erreichte auch die Geschäftsführung der Bezirksgruppe Steinkohlenbergbau Ruhr. Am 26. Mai 1944 informierte sie mit einem Rundschreiben die Bergwerksdirektoren über die Einführung der "Leistungsernährung".
Was ist zu sehen?
Im oberen Teil des Rundschreibens stehen Absender, Nummer, Ort und Datum. Ein roter Stempel bestätigt, dass das abgebildete Exemplar am 27. Mai 1944 bei den Friedrich Krupp (F. K.) Bergwerken Essen eingegangen ist. Eine kurze Nachricht erläutert den Inhalt des Rundschreibens und weist auf den vertraulichen Charakter hin. Abschließend folgt eine Abschrift des ursprünglichen Fernschreibens des OKW. Urheber und Zeitpunkt der roten und blauen Markierungen lassen sich nicht mehr mit Sicherheit ermitteln. Vermutlich ist die rote Paraphe das Zeichen des Bergwerksdirektors Bergassessor Gerhard Rauschenbach, der Leiter der Bergwerke Essen, während die blaue Paraphe von seinem Stellvertreter Betriebsdirektor Bergassessor Heinrich Pilger stammt. Das bedeutet, beide haben das Schreiben zur Kenntnis genommen.
Was zeigt das Rundschreiben über die NS-Zwangsarbeit und was ist bei der Auseinandersetzung mit Schreiben in der Bildungsarbeit zu beachten?
Amtliche Briefe und Schreiben geben Einblick darin, wer an der Organisation der Zwangsarbeit im Deutschen Reich beteiligt war, wer davon profitierte und wie die verschiedenen Akteure zusammenarbeiteten. Inhalte und Sprache können zudem Aufschluss darüber geben, was die Akteure in ihrem Handeln motivierte.
Der Befehl Hitlers zur Einführung der "Leistungsernährung" und das Fernschreiben des OKW weisen auf die besondere Situation der italienischen Militärinternierten hin. Nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten galten die ehemaligen Bündnispartner der nationalsozialistischen Führung, den deutschen Militärs und Teilen der deutschen Bevölkerung als Verräter und wurden deswegen umso schlechter behandelt.
Das Rundschreiben veranschaulicht beispielhaft, wie Akteure auf unterschiedlichen Ebenen mit ihren Entscheidungen und Handlungen die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter:innen bestimmten: Der Befehl Hitlers zur Einführung der "Leistungsernährung" entwickelte sich maßgeblich aus dem Rachegedanken für die Kapitulation Italiens heraus. Zudem verweist das OKW in dem Fernschreiben auf Beschwerden über die Arbeitsleistung der italienischen Militärinternierten, was weit verbreiteten Vorurteilen über italienische Faulheit entsprach. Die Beschwerden stammten von lokalen Unternehmen. Über mehrere bürokratische Ebenen hinweg werden diese nun über den Befehl Hitlers in Kenntnis gesetzt. Ihnen werden Konsequenzen angedroht, falls sie die Maßnahme nicht umsetzen. Gleichzeitig räumt das OKW im ursprünglichen Fernschreiben ein, dass die Beurteilung der Arbeitsleistung vor Ort bei den Unternehmen selbst liegt, sie also über Entscheidungsspielräume verfügen.
Was ist nicht zu sehen?
Viele italienische Militärinternierte kamen bereits unterernährt, krank und schlecht ausgestattet in die deutsche Kriegsgefangenschaft. Außerdem waren ihre Ernährungssätze geringer als die für zivile Zwangsarbeiter:innen. Diese geschwächten Menschen konnten die geforderte Arbeitsleistung nicht erbringen. Ihnen wurde aber häufig Faulheit unterstellt. Die "Leistungsernährung" sollte die italienischen Militärinternierten zu mehr Arbeitsleistung antreiben. Stattdessen stellte sich aber die gegenteilige Wirkung ein. Bereits geschwächte Menschen wurden durch den Nahrungsentzug noch stärker geschwächt, sodass ihre Arbeitsleistung noch geringer wurde.
Literatur
Hammermann, Gabriele: Zwangsarbeit für den "Verbündeten". Die Arbeits- und Lebensbedingungen der italienischen Militärinternierten in Deutschland 1943-1945. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 2002, insbesondere Kapitel "Die ‚Leistungsernährung‘: Vorläufer in der Industrie und ‚Führererlaß‘", S. 234-244.
Hammermann, Gabriele: "Die italienischen Militärinternierten zwischen 1943 und 1945", in Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin (Hrsg.): Zwischen allen Stühlen. Die Geschichte der italienischen Militärinternierten 1943-1945. Berlin: Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit der Stiftung Topographie des Terrors, 2017, S. 28-41.
Hammermann, Gabriele (Hrsg.): Zeugnisse der Gefangenschaft. Aus Tagebüchern und Erinnerungen italienischer Militärinternierter in Deutschland 1943-1945. Berlin/München/Boston: De Gruyter Oldenbourg, 2014.
Jah, Akim und Gryglewski, Marcus: "Wie lese ich ein Dokument? Anmerkungen zur archivpädagogischen Arbeit mit historischen Dokumenten", in dies.: "Ihre Grabstätten befinden sich nicht im hiesigen Bezirk." Quellen zur Deportation der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus. Materialien für den Unterricht und die außerschulische Bildung. Leipzig: Hentrich & Hentrich, 2018, S. 15-17.